Februar 23, 2012

Die Geschichte des Berliner Oratorien-Chores

Vorwort

Der Berliner Oratorien-Chor ist der beste und lebendige Beweis dafür, dass man auch mit Hundert in Berlin noch lange nicht zum alten Eisen gehört. … Hundert Jahre und kein bisschen leiser, das ist im Hinblick auf einen Chor ein schönes Kompliment und die Berliner Musikfreunde – und nicht nur sie – sind froh darüber.

Klaus Wowereit zum 100. Geburtstag des BOC im Jahre 2004

Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag! Der Berliner Oratorien-Chor ist ein Aushängeschild und eine Institution unserer Stadt. Niemand, der den Chor hört, würde auf die Idee kommen, dass er aus Laien besteht. Wenn man dies aber weiß, dann ist die Bewunderung um so größer für die Sängerinnen und Sänger, deren Begeisterung sich auf das Publikum überträgt.

Bezirksbürgermeisterin von Berlin Charlottenburg/Wilmersdorf,
Monika Thiemen zum 100. Geburtstag des BOC

Wer diese beiden Zitate anlässlich des 100. Geburtstag des Berliner Oratorien-Chores im Jahre 2004 liest, wird ein Verständnis davon bekommen, dass der BOC zu Recht als „Urgestein“ der klassischen Berliner Chorszene bezeichnet werden kann. Er ist seit 1904 ein nicht wegzudenkender Teil des Berliner Musiklebens, welcher sich in all den wechselvollen Zeiten der sich in der alten und neuen Hauptstadt fokussierenden deutschen Geschichte als solcher stets behaupten konnte.

Der Chor besteht zum aktuellen Zeitpunkt aus rund 80 aktiven Laien-Sängerinnen und -Sängern, die aus allen Berufsbereichen kommen. Daneben wird er durch fördernde Mitglieder unterstützt. Alle Mitglieder verbindet die Liebe zur Musik, die sie mit großem persönlichen Einsatz bei der Erarbeitung von Chorsinfonik verschiedener Epochen zum Ausdruck bringen. Die Programme werden unter anderem in der Philharmonie, im Konzerthaus Berlin und in Kirchen vorgetragen. Außerdem engagiert sich der Chor für Wohltätigkeitsveranstaltungen unterschiedlichster Art.

So gehört der BOC auch heute zum festen Bestandteil des Berliner Musiklebens und hat sich trotz starker Konkurrenz einen guten Namen gemacht und bewahren können. Dieses verdankt er vor allem Gert Sell, der 50 Jahre lang den Chor mit pädagogischem Geschick leitete, die Programme vorbereitete und die Sänger zu immer neuen Leistungen anspornte. Seit April 2008 wird der Chor von Thomas Hennig geleitet.

I. Gründung und Aufbau des Berliner Volks-Chores

Es war die Zeit der noch jungen, von dynamischen Kräften getragenen Volksbühnenbewegung, als Mitglieder der Berliner Volksbühne im Jahre 1904 auf die Idee kamen, einen Berliner Volks-Chor zu gründen. Er sollte jedoch nicht Volkslieder singen, was der Name ja nahe legen könnte, sondern mehr auf dem Selbstverständnis der Bühne, des öffentlichen Vortrags von gehobener Kunst, große, bühnenwirksame Werke aufführen – sinfonische Chorwerke und Oratorien.

Am 8. Februar 1904 wurde auf Vorschlag von Dr. Ernst Zander, einem Zahnarzt, der voraussah, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts die Musik ein wichtiger und friedlich stimmender Antrieb für eine sich emanzipierende Arbeiterschaft sein konnte, der Arbeiterchor mit dem Namen „Berliner Volks-Chor“ gegründet. Aus dem 1. Jahresbericht des Chores war das Hauptziel des BVC zu erkennen, „… für minderbemittelte Volkskreise, speziell die Berliner Arbeiterschaft gute Aufführungen größerer Chorwerke und Oratorien der berühmtesten Tondichter zu veranstalten. Daneben sollen durch Solistenkonzerte auch die übrigen Gebiete der Musik, sowohl gesanglicher und instrumentaler Art, zu Geltung kommen.“ Somit hatte Berlin seinen ersten aus Gliedern des werkstätigen Volkes bestehenden Chor, der aus eigener Kraft die großen Meisterwerke der gemischten Chorliteratur mit Orchester und Solisten zu Gehör bringen wollte.

Am 17. Februar 1904 fand die erste Probe im Sophien-Realgymnasium statt. Zur Vorbereitung wurden Kurse in Notenlehre, Sprach- und Stimmbildung sowie Einführung in die Welt der Musik obligatorisch für die Sänger und Sängerinnen angeboten. Im Herbst 1904 gab der BVC das erste Konzert mit Schumanns „Das Paradies und die Peri“ mit dem „Berliner Tonkünstler-Orchester“ in der „Neuen Welt“ (Hasenheide). Der BVC trat aber auch ohne Gage auf unter anderem bei Maifeiern, Gewerkschaftsveranstaltungen und Parteitagen der SPD. Er versuchte dabei immer die Waage zu halten zwischen allen Parteien und Fraktionen.

Schwankten die Mitgliederzahlen in den ersten Jahren zwischen 120 und 200, konnte bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieges schon der 350. Sänger in die Chorlisten eingetragen werden. Nach 1918 stieg die Sängerzahl auf 451 an. 1927 gründete der BVC einen eigenen Kinder- und Jugendchor, um sich seinen eigenen musikalischen  Nachwuchs heran zu ziehen.

Anfang der 20er Jahre trat der BVC in den Deutschen Arbeiter Sängerbund ein, über welchen eine erste Konzertreise nach Wien organisiert wurde.


II. Der Berliner Volks-Chor in dunkler Zeit – 1933-1945

Mit dem Gesetz vom 22. September 1933 zur Einrichtung der Reichskulturkammer wurden sämtliche kulturellen Organisationen gleichgeschaltet. Nur wer Mitglied in der neu geschaffenen Reichskulturkammer war, durfte  öffentlich Konzerte, Opern etc. aufführen. Dies galt für Berufsmusiker und Laien. Gleichzeitig musste eine arische

Abstammung und die Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat gegenüber nachgewiesen werden. Die Mitgliedschaft des BVC im Deutschen Arbeiter Sängerbund wurde 1933 annulliert. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Arbeitermusikbewegung immer stärker Schikanen und Verfolgungen unterzogen. Chorleitertätigkeit wurde unter Androhung eines generellen Berufsverbotes untersagt,  Entzug der Probenräume ermöglichte keine kontinuierliche Arbeit mehr, Verbandsvermögen wurde eingezogen. Die Leiter des Deutschen Arbeiter Sängerbundes zogen daraus die Konsequenz, ihre Organisation zu  liquidieren und die Mitgliederchöre selbst über ihre Weiterarbeit entscheiden zu lassen. Mangels Alternativen ist auch der BVC in den „Reichsverband der Gemischten Chöre Deutschlands“ eingetreten, um seine Arbeit überhaupt fortführen zu können. Kein Chor Deutschlands begehrte gegen diese Gleichschaltung auf.

Chorleiter mussten in der NSDAP sein, um ihre Tätigkeit weiterhin ausüben zu können. Das war Ernst Zander offenkundig nicht. Auch weil er kein Berufsmusiker war, musste er 1937 seine Tätigkeit als Leiter des BVC
aufgeben. Es wurden von Seiten des Staates ideologisch flankierte Fortbildungsseminare in „Schulungslagern“ für Chorleiter angeboten, um die deutsche Sangeskunst auf Linie der Reichsführung zu bringen.

Als neuer Leiter des BVC kam Georg Oskar Schumann.

Für das musikalische Repertoire hatten die Nationalsozialisten klare Vorgaben gemacht. Werke von „Juden, Dreivierteljuden, Halbjuden und Vierteljuden“ waren verboten. Damit kein Felix-Mendelssohn Bartholdy mehr, kein „Paulus“, kein „Elias“ und keine „Walpurgisnacht“. Unter Weglassung des Komponistennamens konnten diese Chorwerke unter Umständen noch bis 1938 zu Gehör gebracht werden, danach aber nicht mehr. Der BVC widmete sich in diesen Jahren weiterhin seinen Hauptwerken von Haydn, Bach, Brahms und Beethoven. Ab 1937 erfolgten Auftritte gemeinsam mit dem „Erkschen Gemischten Chor“. Durch die Einberufung der männlichen jungen Sänger nach Kriegsbeginn schwächte sich die Leistungsfähigkeit der Chöre ab, Konzerte wurden seltener, immer weiniger Sänger standen auf der Bühne.

Georg Oskar Schumann, als kommender Stardirigent gepriesen, wird 1942 als Leiter des gesamten Musikwesens nach Rathenow berufen und städtischer Musikdirektor. Ihm folgt 1943 bis Kriegsende Fritz Pokorny als Leiter des BVC nach.


III. Wiederaufbau des Berliner Volks-Chores aus den Trümmern einer geteilten Stadt – 1945-1960

Der amtierende Vorsitzende des BVC Otto Berndt machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf, die noch verbliebenen Mitglieder zusammen zu rufen, um das Volks-Chorleben wieder zu aktivieren. Es kamen 40 bis 45 Sänger zusammen. Geprobt wurde zunächst mit dem Hochschulchor unter Professor Jakobi, bis man sich mit Herbert Schoenborn eigenständig machte. Ab 1948 lag das Dirigat in den Händen von Hans Kohlmann.

Kohlmann war Berufsmusiker und vom Fach her Bratscher. Die Proben erfolgten zunächst im sowjetischen Sektor der Stadt. Dies war aufwändig wegen der Kontrollen an den Sektorengrenzen und weiterer Schikanen um Vereinsanerkennung und politische Orientierung, und so verlegte der BVC seine Probenstätte Ende 1950 in den Westeil Berlins. Ein Großteil des Archivs und des Notenkellers gingen verloren. In der Schule der Emser Straße fing man bei Null an.

Langsam entwickelten sich in der Stadt wieder Konzertauftrittsmöglichkeiten für Laienchöre. Der BVC gab zunächst kleinere Konzerte aus Kantaten, Volksliedern, Werken von Telemann. Auch erste offizielle Anlässe  erlaubten dem Chor wieder zunehmend ins öffentliche Konzertbewusstsein zu treten, so in der Lichtburg, auf der Freilichtbühne Hasenheide, bei AWO-Konzerten, beim Geburtstagssingen für Ernst Reuter, beim  Volkstrauertag oder SPD-Veranstaltungen. Langsam stieg die Zahl der Chormitglieder. Die Anwerbung von neuen Mitgliedern wurde durch Mundpropaganda betrieben.

1957 stagnierte die Chorarbeit und der neue Erste Vorsitzende des BVC, Klaus Scheithe, sprach einen jungen Dirigenten an, der bereits die BVGChöre und den Sonari-Chor leitete: Gert Sell. Dieser begann am 1. April 1958  seine Chorleitertätigkeit beim BVC und sollte die Geschicke des Chores ein halbes Jahrhundert lang wesentlich bestimmen. Aus bestehenden Verpflichtungen heraus musste er in den Proben die „Jahreszeiten“ von Haydn zu einem Abschluß und Konzertreife bringen. Erst mit „Faust’s Verdammung“ von Hector Berlioz konnte er sich mit dem BVC ein eigenes Werk erarbeiten.

Durch die intensivere Probenarbeit fanden nach anfänglich 70 bis 80 Chormitgliedern wieder mehr Sängerinnen und Sänger den Weg in den Chor. Auch wurde ein neuer Probenraum in der Technischen Universität Berlin gefunden, an welchem Orte bis heute die regelmäßigen Chorproben stattfinden. Die Konzertagentur Hohenfels vermittelte die derzeitigen Konzerte des Chores, die nahezu alle zwei Monate mit dem „Sinfonie Orchester Berlin“ in einer Abo-Reihe gegeben wurden. Erste kurze Reisen führten ins grenznahe Peine und zu einer Chorpartnerschaft mit einem dortigen Chor (Chorleiter: Eugen Kupries) und entsprechenden Gegenbesuchen. Ein Höhepunkt war das Sängerfest des Allgemeinen Sängerbundes (DAS) 1959 in Berlin. Mit den Berliner Philharmonikern wurde „Ein Kind unserer Zeit“ von Michael Tippett in der Hochschule (heute: Universität) der Künste aufgeführt.


IV. Schicksalsschläge und weiterer Fortschritt im Chorgeschehen – 1961-1970

Hatte sich der BVC anfangs der 60er Jahre endlich wieder zu einem stattlichen Chor entwickelt, gab es mit dem Mauerbau 1961 einen erneuten Rückschlag. 30 Mitglieder waren auf einmal nicht mehr bei den Proben,
Konzerten und geselligen Treffen. Durch die restriktive Politik der sowjetischen Besatzungsmacht war es auch gar nicht mehr möglich, mit den Mitgliedern im Ostsektor in Kontakt zu treten. Ihr Verbleib konnte nicht weiter verfolgt werden.

Der BVC arbeitete und probte weiter trotz aller Restriktionen und zählte 1963 bereits wieder 170 aktive Sänger, davon allerdings nur 30 männliche Stimmen. Zur Nachwuchsgewinnung wurde im selben Jahr ein Kinderchor
unter Ursula Degebrodt gegründet. Dieser löste sich allerdings mangels Zulauf schon zwei Jahre später wieder auf.

Bis Mitte der 60er Jahre wurde die Abo-Reihe mit der Agentur Hohenfels weitergeführt, danach mangels Qualität der Orchesterbegleitung aufgegeben.

1964 feierte der Chor sein 60. Jubiläum. Es wurde stilvoll mit der „Missa Solemnis“ von Ludwig van Beethoven in der neuen Philharmonie mit den Berliner Philharmonikern begangen. 1965 wurde die „Missa Solemnis“
nochmals beim 4. Bundes-Chor-Fest des Deutschen Allgemeinen Sängerbundes aufgeführt. 1966 wurden die Choraktivitäten durch das Mitwirken beim Auftritt des „Balletts des 20. Jahrhunderts“ unter der Leitung von Maurice Béjart gekrönt. Sehr beeindruckend muß die tänzerische Darstellung der 9. Sinfonie von Beethoven gewesen sein, in die beim letzten Satz der Chor auch optisch einbezogen wurde.

Unter Gert Sell wurden in den 60er Jahren wieder die großen Oratorienwerke erarbeitet. Dazu gehören die „Krönungsmesse“ von Wolfgang Amadeus Mozart, „Samson“ von Händel, das „Requiem“ von Verdi und auch von Dvorák, aber auch heitere Operetten- und volkstümliche Opernkonzerte zählten nun zum Repertoire des Chors.


V. Aus dem BVC wird der BOC – die reisefreudigen 70er Jahre im Chorgeschehen

Das neue Jahrzehnt begann für den BVC mit dem „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartoldy in der Philharmonie und unter Begleitung des Symphonischen Orchesters Berlin. Der Berliner Tagesspiegel notierte dieses Konzert als „bemerkenswert“. Es folgte ein heiteres „Johann-Strauß-Konzert“ zum Jahresausklang. Der BVC bewies erneut seine sängerischen Qualitäten in jedem Genre. Die folgenden Jahre waren ein Spiegel der Vielseitigkeit des Chores. Heiteren Frühlingskonzerten in der Hochschule für Musik folgten eine Chorfahrt zu einem Kantatenkonzert in Bremen, Haydns „Schöpfung“, Schuberts „Messe Nr. 6“, Händels „Messias“ und immer wieder auch Beethovens „9. Sinfonie“.

Das 70. Chorjubiläum wurde vom 31. Mai bis 9. Juni 1974 mit einer Konzertreise von Innsbruck über München bis Peine und Braunschweig begangen.

Nach 70 Jahren „Berliner Volks-Chor“ war es an der Zeit eine Namensänderung vorzunehmen. Das Wörtchen „Volk“, welches ab 1904 die Arbeiterschaft in die Berliner Chorszene holen sollte, hatte durch die dunklen Jahre der deutschen Geschichte einen negativen Anstrich erfahren. Der Vorstand um Eva Maria Eisermann wollte einen neuen Namen für den Chorverein und beabsichtigte mit dem neuen Namen „Berliner Oratorien-Chor“ das Kind so zu benennen, was es eigentlich schon lange war. Allerdings war ein Chor solchen Namens als „Berliner Oratorien-Chor e.V.“ von 1945 bereits im Vereinsregister des Amtsgerichts Tiergarten eingetragen, seine Tätigkeiten ruhten allerdings. Dieser Chor war entstanden aus den Resten des Deutschen Philharmonischen Chores, welchen der bereits in den Jahren 1937 bis 1943 für den BVC musikalisch verantwortliche Georg Oskar Schumann leitete. 1957 hatte Hans-Thomas Nowowiejski die musikalische Leitung übernommen. 1963 stellte der Chor seine Tätigkeiten ein. Der BVC trat in Kontakt mit dem noch eingetragenen Ersten Vorsitzenden Walter Hübbe und wurde sich schnell einig mit der Übernahme des Namens.

Zum 1. Oktober 1974 wurde aus dem Berliner Volks-Chor der Berliner Oratorien-Chor.

Gefeiert wurde dies mit einem Festkonzert im Dezember in Darstellung verschiedener Magnificat-Kompositionen. Es folgte eine konzertante Aufführung von Beethovens „Fidelio“, die „Jahreszeiten“ von Haydn und eine konzertante Aufführung von Friedrich von Flotows Oper „Martha“, ebenso Chorkompositionen von Pergolesi, Händel und Brahms. Der BOC nahm am 17. Chorfest des Deutschen Sänger-Bundes in Berlin vom 9. bis 13. Juni 1976 teil und sang drei Werke von Bach zum 75. Jubiläum des Berliner Sängerbundes in 1977. Während dieses Zeitraumes wurde auch eine Langspielplatte mit der „Messe in D-Dur von Antonín Dvorák aufgenommen. 1978 erfolgte eine erneute Konzertrundreise vom 4. bis 15. Mai durch Österreich. 1979 wurde das 75. Jubiläum des Chores mit zwei Festkonzerten und einer Chorreise ins finnische Tampere begangen. Dort errang der BOC eine Goldmedaille bei einem Wettsingen. Vorgetragen wurden das „Sanctus“ von Bach, „Regina Coeli“ von Cocozza und „Jauchzet dem Herrn“ von Mendelssohn Bartoldy.


VI. Der BOC in den 80igern – mit der 9. Sinfonie in ein ungeteiltes Deutschland

Die 80er Jahre wurden vom Berliner Oratorien-Chor mit Bruckners „Messe in f-Moll“ und „Te Deum“ eröffnet. Im Oktober gab es ein heiteres Opernkonzert mit Werken von Cornelius, Lortzing und Nicolai. Im weiteren Verlauf wurde das 80. Jubiläum des Berliner Sängerbundes gefeiert. Die „Neunte“ von Beethoven zum Jahresabschluß und auch die „Jahreszeiten“ von Haydn blieben Renner im Programm des BOC. „Stabat Mater“ von Dvorák und „Die Schöpfung“ von Haydn wurden ebenso aufgeführt.

Im 80. Jubiläumsjahr des BOC wagte man sich an die „Matthäus-Passion“ und erhielt gute Kritiken: „Nicht Routine, aber Gediegenheit fast überall … die Aufführung von Bachs Matthäus-Passion, die der durch die ‚Gropiuslerchen’ verstärkte Berliner Oratorien-Chor … unter Leitung von Gert Sell darbot, wich in keinem wesentlichen Aspekt von der tradierten Aufführungspraxis ab.“, notierte der Tagesspiegel am 17.04.1984. Im Jubiläumsjahr wurde eine weitere Chorfreundschaft mit dem „Szolnoki Kodály Korus“ aus Ungarn durch gegenseitige Besuche und Konzerte geschlossen. Das eigentliche Jubiläumskonzert war dann im Oktober 1984 „Ein  Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms. Den Jahresschlußpunkt bildete ein weiteres Mal in diesem und auch in den Folgejahren die „Neunte“ von Beethoven.

1987 stand ganz Berlin im Zeichen der 750-Jahr-Feier. Der BOC beteiligte sich beim „Sternstunden-Singen“ an der Siegessäule, sang spät nachts bei den Reinickendorfer Schäfer(See)Stunden und bei der großen Veranstaltung des Deutschen Sänger-Bundes „Das singende Berlin im Wandel der Zeit“ in der Philharmonie.

Nach einem Mozart-Beethoven-Konzert und dem Bach’schen Weihnachstoratorium in 1988 wurde in 1999 die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart zu Konzerten mit dem Stuttgarter Liederkranz besucht.

Das Ereignis diese Jahrzehnts war die Maueröffnung am 11.11.1989. An just diesem Tage trat der BOC mit einem „Heiteren Konzert“ in der Musikschule Reinickendorf auf. Ein zutreffendes “Freude schöner Götterfunken“ beendete ein weiteres Mal auch dieses ereignisreiche Jahr.


VII. Von 1990 bis 2000 – durch die Wiedervereinigung steigt der Konkurrenzdruck

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkte sich zunehmend die Konkurrenz in der Berliner Musik- und auch der Chorszene. Mit dem Fall der Mauer und der  Wiedervereinigung Deutschlands setzte ein musikalischer Konkurrenzdruck auf den BOC ein. In der geteilten Stadt hatten sich vierzig Jahre lang zwei parallel entwickelnde Kulturzentren aufgebaut, die sich nun trotz begeisterter Aufnahme und Neugier auf den jeweils anderen als unmittelbare Konkurrenten gegenüberstanden. Das führte zu einer Verknappung der für die Arbeit der einzelnen Chöre erforderlichen finanziellen Ressourcen. Die teilweise großzügigen Subventionen, die der Berliner Senat dem Berliner Sängerbund bisher zukommen ließ, wurden immer mehr zurückgenommen und auf mehrere „Bedürftige“ verteilt, nämlich auch auf die Chöre des Ostteils der Stadt.

Der BOC musste anfangen, mit geringeren Zuschüssen seinen Anspruch auf drei große Konzerte im Jahr aufrecht zu erhalten. Spielte man Anfang der 90er Jahre noch gerne mit den Berliner Symphonikern oder anderen Berliner Orchestern, war dieses bald nicht mehr möglich. Die Arbeit wurde weitergeführt mit den Philharmonischen Orchestern aus Danzig, Stettin, Bromberg, Köslin und Kattowitz. Auch die Brandenburgischen Philharmoniker wurden zu einem Konzert engagiert.

Am 22.12.1991 trat der BOC zum ersten Mal im Ostteil der Stadt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit der „Hohe Messe in h-Moll“ von Johann Sebastian Bach auf.

1994 reiste der Chor durch die Tschechische Republik bis nach Budapest. Mozarts „Te Deum“ und „Vesperae solennes“ wurden mehrfach gesungen sowie Beethovens „Messe in C-Dur“.

Ab Mai 1999 konnte der BOC regelmäßig im Großen Saal des Berliner Rathauses für karitative Zwecke mit dem großen Chor aber auch mit einer A-Capella-Formation und einem kleinen Instrumentenensemble auftreten.


VIII. Die ersten zehn Jahre im neuen Jahrtausend – der BOC wird Hundert!

Das neue Jahrtausend begann für den BOC musikalisch am 4. Januar mit der 9. Sinfonie von Beethoven, diesmal mit einem Freundschaftschor aus Japan und der Singakademie Potsdam. Gleich zweimal wurde die „Neunte“ noch im Hans-Otto-Theater in Potsdam gesungen. Zur Karnevalszeit 2000 gab der BOC ein „Heiteres Konzert Johann Strauß“ im Konzerthaus. Es folgten Konzerte von Bach und von Brahms „Ein deutsches Requiem“.

2001 feierte der Berliner Sängerbund sein 100-jähriges Jubiläum und lud den BOC und zahlreiche andere Chöre zur „Carmina Burana“ von Orff und einer Uraufführung des polnischen Komponisten Pjotr Moss „Meditation und Psalm“ in die Philharmonie ein.

Zur Auffrischung der Stimmen konnte 2003 zusammen mit einem Jugendchor die „Messe in As-Dur“ von Franz Schubert gegeben werden.

2004 war nun das Jahr des eigenen 100ten Jubiläums des BOC.

Die Beliebtheit und Bedeutung des Chores als festen Bestandteil des Berliner Konzertlebens unterstreichen nicht zuletzt die anlässlich des Geburtstages ergangenen Grußworte großer Persönlichkeiten aus der Berliner Politik- und deutschen Musikszene, so unter anderem des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit oder des Präsidenten des Deutschen Sängerbundes Dr. Heinz Eyrich.

„Der Berliner Oratorien-Chor ist der beste und lebendige Beweis dafür, dass man auch mit Hundert in Berlin noch lange nicht zum alten Eisen gehört. … Hundert Jahre und kein bisschen leiser, das ist im Hinblick auf einen Chor ein schönes Kompliment und die Berliner Musikfreunde – und nicht nur sie – sind froh darüber.“, so schreibt der Regierende Bürgermeister.

„Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag! Der Berliner Oratorien-Chor ist ein Aushängeschild und eine Institution unserer Stadt. Niemand, der den Chor hört, würde auf die Idee kommen, dass er aus Laien besteht. Wenn man dies aber weiß, dann ist die Bewunderung um so größer für die Sängerinnen und Sänger, deren Begeisterung sich auf das Publikum überträgt.“, schwärmt die Bezirksbürgermeisterin von Berlin Charlottenburg/Wilmersdorf, Monika Thiemen.

Der festliche Akzentpunkt zu diesem Jubiläum wurde mit einem Chorball am Abend des 8. Februar gesetzt.

Im Jahr 2005 gab der BOC nach einem Neujahrskonzert in der Heilig-Kreuz-Kirche und Werken von Bach, Händel, Schütz, Scarlatti und weiteren, einem Frühjahrskonzert (u. a. Carmina Burana) zwei Händel Konzerte, „Das  Alexanderfest“ und im Dezember „Der Messias“. Unter anderem mit Händel und Haydn beteiligte er sich auch an der Potsdamer Schlössernacht.

2006 stand ganz im Zeichen des 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits im Januar sang der BOC die „Krönungsmesse“ C-Moll, das „Ave verum Corpus“ und die „Sinfonia Concertante Es-Dur für Violine, Viola  und Orchester“, KV 364. Im September folgte die „Litaniae de venerabilea altaris Sacramento Es-Dur“, KV 243, die „Große Messe CMoll“, KV 427 (mit neuen Ergänzungen aus der Missa longa C-Dur, KV 262 und der  Credo-Messe C-Dur, KV 257). Aber auch die „Neunte“ von Beethoven wurde zweimal gegeben und die „Matthäus-Passion“ von Bach.

Im Dezember 2007 gab der BOC ein Weihnachtskonzert mit dem Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saens und dem Weihnachtsteil aus Händels „Messias“.

Das Jahr 2008 stellte eine der größten Zäsuren im Leben des Berliner Oratorien-Chores dar. Gert Sell legte nach einem halben Jahrhundert der künstlerischen Leitung, des Aufbaus und der Gestaltung des Chores nach dem Krieg den Dirigentenstab nieder und übergab an einen jungen Dirigenten die Führung des BOC. Thomas Hennig übernahm im April 2008 die künstlerische Leitung des Chores. Für seine Arbeit mit dem BOC wurde Gert Sell mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

2009 – Der BOC nahm mit berühmten Opernchören teil bei den Brandenburgischen Festspielen.

Mit seinem Frühjahrskonzert 2010 ließ der BOC die „Messe in Es-Dur“ von Franz Schubert im Konzerthaus erklingen. Auf Einladung des Verbandes Deutscher Qualitätsweingüter anlässlich dessen Hundertjährigen Jubiläums im Berliner Dom sang der Chor im Beisein unter anderem von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle die „Neunte“ von Beethoven. Im Herbst folgte das „Requiem“ von Antonín Dvorák und am 28.12. die „Festkantaten für das kurfürstlich sächsische Haus“ von Bach im Kammermusiksaal der Philharmonie.


Die Dirigenten des Berliner Oratorien-Chores

1904 – 1937 Dr. Ernst Zander
(1916 bis Kriegsende 1918 Vertretung durch Musikdirektor Eschke)
1937 – 1943 Georg Oskar Schumann
1943 – 1945 Fritz Pokorny
1945 – 1947 Professor Jakobi
1947 – 1948 Herbert Schoenborn
1948 – 1958 Hans Kohlmann
1958 – 2008 Gert Sell
2008 bis heute Thomas Hennig