Mai 19, 2012

“Lacrimosa – Miserere”. Werke von F.Poulenc, T.Hennig, H.Weiss, W.A.Mozart

Francis Poulenc (1899-1963)
Litanies à la Vierge Noire
für Frauenchor, Streichorchester und Pauke
               
Thomas Hennig (1964)
Lacrimosa (2011, UA)
für Orchester
               
Harald Weiss (1949)
Requiem
für Sopran, Tenor, Flügelhorn, gemischten Chor
und Kammerorchester
(gekürzte Fassung, UA)
               
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Davide Penitente (siehe Goße Messe in c-Moll)
Kantate für Soli, Chor und Orchester, KV 469

Litaniae de venerabili altaris Sacramento
für Soli, Chor und Orchester, KV 243
Ausführende:

Berliner Oratorien-Chor

Marietta Zumbült, Sopran
Franziska Blazey, Sopran
Kai-Ingo Rudolph, Tenor

Preußisches Kammerorchester
in sinfonischer Besetzung

Leitung Thomas Hennig

Das Motiv des Konzertes ergibt sich aus den aufgeführten Werken: Das “Lacrimosa” ist Bestandteil des liturgischen Requiem-Textes, und das Requiem ist eine Totenmesse. Auch die “Litanie à la Vierge Noire” ist in gewissem Sinne eine “Totenmusik” – Poulenc hat sie aus Anlass des Todes seines Freundes komponiert.
Die Düsternis, die über einem Requiem liegt, wird durch die Textauswahl zum Requiem von Harald Weiss gemildert. Er selber sagt dazu: “Bei der Auswahl der Texts habe ich mich von der Idee des “Loslassens” treiben und inspirieren lassen. Es erscheint mir als einer der wesentlichen Aspekte beim Sterben, aber auch im Leben.-….- Da wir das Loslassen spätestens in der Stunde des Todes praktizieren werden, könnten wir vielleicht im Leben schon einmal damit beginnen.”
Zwischen diesen beiden Werken, (Litanie von Poulenc aus dem Jahre 1936 und Requiem von Weiss als Uraufführung) steht ein weiteres zeitgenössisches Werk, das “Lacrimosa” für Orchester von Thomas Hennig. Es soll vielleicht einmal Teil eines “Stabat Mater” werden und wird in unserem Konzert zum ersten Mal aufgeführt.
Der zweite Teil des Titels “miserere” bezieht sich direkt auf das letzte Werk des Konzertes: Litaneien sind in der katholischen Kirche Kettengebete, in denen um die Gnade Gottes gebeten wird: “Miserere nobis, Erbarme Dich unser”. Bekannt ist diese Formel aus dem Messtext: “Kyrie eleison, Christe eleison”, “Herr erbarme Dich, Christus, erbarme Dich” – und diese Bitte kann man an viele und vieles stellen: Wir haben es in der Litanie des ersten Teiles schon gehört: dort wird die “Vierge Noire” wiederholt gebeten: “Priez pour nous”, “bete für uns”, was man ohne weiteres auch mit “Erbarme Dich unser” übersetzen kann, was nun wiederum genau die Übersetzung von “miserere” ist. Und da sind wir schon am Anfang des Konzertes auch beim miserere. Bei Poulenc ist es Maria in verschiedenen Bezeichnungen, die gebeten wird, für uns zu beten, sich unser zu erbarmen; oft sind es Heilige, bei Mozart sind es Gott Vater und Sohn in verschiedenen sakralen Umschreibungen, so kommen die “Kettengebete” zustande.
Davor steht der “Davide penitente”, der bußwillige David. Wer Buße tut bittet gewissermaßen auch um Gnade, also auch hier wieder das “miserere”.
Wenn manchem der Zuhörer der “Davide penitente” bekannt vorkommt – nicht wundern: Es ist die genaue Übernahme der Musik des “Kyrie” und “Gloria” aus der “Großen c-moll Messe”, erweitert um zwei Arien und unterlegt mit einem italienischen Text, der möglicherweise von Lorenzo da Ponte stammt, dem Librettisten des” Don Giovanni” und des “Figaro”.

Weitere Infos zu den Werken

Harald Weiss: Requiem

Vom Loslassen

(Zur Auswahl der Texte)Bei der Auswahl der Texte habe ich mich von der Idee des ,,Loslassens” inspirieren lassen. Es erscheint mir als einer der wesentlichen Aspekte beim Sterben, aber auch im Leben.

Viel zu sehr klammern sich wir Menschen an etwas einmal Erreichtes seien es nun materielle oder ideelle Werte oder seien es auch Beziehungen jedweder Art. Wir können und wollen davon nicht loslassen, so, als hinge unser Leben davon ab.

Da wir das Loslassen spätestens in der Stunde des Todes praktizieren werden, könnten wir vielleicht im Leben schon einmal damit beginnen.

Die Texte stammen zum einen aus der lateinischen Liturgie der Messa da Requiem (Sanctus, Veni Sanctus Spiritus, Lacrimosa, Rex tremendae, Mors stupebit, Offertorium), zum anderen Teil von den Dichtern Joseph von Eichendorff und Hermann Hesse.

Allen Texten haftet gemeinsam etwas Positives an, den Tod als etwas Organisches im großen Weltgefüge zu betrachten, wenn Hesse etwa schreibt “Und die Seele unbewacht will in freien Flügeln schweben, um im Zauberkreis der Nacht tausendfach zu leben. Oder bei Joseph von Eichendorff ergibt sich bereits beim Lesen ein ferner Gesang, wenn er schreibt: “Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.”

Da schwingt viel romantisch beladenes Abendland mit, aber auch ein universeller Geist, fernab einzelner Kulturen und Religionen.

Am Anfang war der Klang

Noch bevor jedwedes wort, jedwede sinnbeladene Floskel von Stimmbändern geformt wurde, gab es den Klang, die Schwingung, den Ton.

Wobei wir wieder zur Musik kommen.

Ich habe in meiner Studienzeit und auch noch später aktiv am zeitgenössischen Musikleben teilgenommen, sowohl als Schlagzeuger, als auch als Dirigent und Komponist.

Meine ersten Partituren sahen abenteuerlich aus, so voll waren sie von unzähligen kleinen schwarzen Kugeln übersät, kein Rhythmus konnte kompliziert genug sein, keine Stimmlage extrem genug und keine Harmonie dissonant genug. Dem Spiel mit den unterschiedlichen Parametern, die in der seriellen Musik völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen, habe ich mich vehement zugewand, ebenso wie den aleatorischen Prinzipien und der so genannten Minimal Music.

Dann bin ich ausgewandert und habe meinen Wohnsitz nach Spanien verlegt, von wo aus ich jahrelange Reisen nach Indien, Afrika und Südamerika unternommen habe.

Mitunter habe ich meinen Wohnsitz über mehrere Jahre im außereuropäischen Raum gehabt.

Dadurch sind die Strömungen der zeitgenössischen Musik mitunter nur sehr vage und entfernt an mir vorbeigezogen. Was ich vielmehr in mir aufnahm, waren die anderen, jeweils neuen Kulturen für mich, in denen ich versuchte, so gut es eben ging, einzutauchen.

Ich erlernte die Sprachen, kam mit Musikern aller Schichten und Stile in Kontakt die ein anderes kulturelles Erbe als ich hatten und war berauscht von der Vielfalt der künstlerischen Potentiale.

Doch je entfernter ich mich von meinem musikalischen Erbe, dem des Abendlands, befand, desto tiefer drang dieses mit all seiner Macht in mein Bewusstsein zurück. Man stelle sich vor, man sitzt irgendwo im brasilianischen Urwald, umgeben von ausgelassenem Indianergeheul und bekommt durch Zufall die Möglichkeit zugespielt Beethovens letzte Streichquartette zu hören. Das kann einem schlicht das Herz zerreißen. Das gleicht einer Identitätskrise.

Man kann es auch als Katharsis bezeichnen. Wie auch immer, meine “neuerliche” Beschäftigung mit dem “alten” Land ließ es mir nicht zu, dort anzuknüpfen, wo ich als kühner Student die musikalischen Parameter der so genannten Neuen Musik traktierte.

Es musste ein anderer Ansatz sein, ein ganz behutsamer Ansatz, der sich wieder ins Abendland vortastet, ein Ansatz, der die Tradition wieder aufnimmt und versucht, sie ganz vorsichtig zu entblättern und ihnen den Atem der Gegenwart einzuhauchen. Wissend, dass ich damit nichts Revolutionäres oder gar skandalöses auslösen werde, bin ich dennoch sehr zuversichtlich, weil ich mich mit dem Vokabular in meiner Musik dieses Requiems auf Bahnen bewege, das keinen Ballast, keine komplexen Strukturen transportieren und vermitteln möchte, sondern weil ich vielmehr versuche, mit der Naivität eines “Heimkehrers” die Botschaft der Texte in Klänge zu formen.

Harald Weiss, Colonia de San Pedro, März 2009